
Flucht aus der Ankerbucht
Von einer ungeplanten Nachtfahrt, einem Ort an dem wir wahrscheinlich nicht gelandet wären und unserem Wasserverbrauch
Am Montag machten wir uns zu Fuss auf den etwa 40-minütigen Weg ins Stadtzentrum von Kassiopi. Da die Mittagssonne bereits kräftig brannte, beschlossen wir, den Rest der Erkundung auf den nächsten Tag zu verschieben und uns einen Gyros zu gönnen.


Am Dienstag stand die alte Festung auf dem Programm, die stolz über der Stadt thront. Nach einer Umrundung der alten Mauern erledigten wir auf dem Rückweg noch einen kleinen Einkauf. Da wir Trinkwasser brauchten, zogen wir abends mit unserem «Oma-Wägeli» zum nächsten Supermarkt. Der Weg führte entlang einer Landstrasse und war glücklicherweise sehr Wägeli-freundlich.


Gratis-Putzaktion und ein plötzlicher Wetterumschwung
Der Mittwochmorgen begann mit einem heftigen Regenschauer – natürlich genau in dem Moment, als Juna und Janine am Strand waren. So wurden beide unfreiwillig mit Regenwasser vorgereinigt. Jan nutzte die Gunst der Stunde und schrubbte Scialla ordentlich ab; zu Gratis-Wasser sagen wir an Bord niemals Nein. Eigentlich waren wir danach etwas faul und wollten noch eine Nacht länger bleiben, doch dieser Plan wurde unsanft durchkreuzt.

Es war 20:00 Uhr. Wir hatten gerade zu Abend gegessen und schauten gemütlich eine Folge «Andor», als plötzlich heftiger Wind aufzog. Er kam aus einer anderen Richtung als vorhergesagt und brachte extrem hohe Wellen mit sich. Jan hatte sofort ein ungutes Gefühl und beobachtete die Lage akribisch. Zum Glück hatten wir den Ankeralarm aktiviert: Er bestätigte bald unsere Befürchtung, dass der Anker aufgrund der hohen Wellen nicht mehr hielt und auf dem Boden mit Seegras keinen neuen Halt fand.

Alarm am Bug: Kampf gegen die Wellen
Da der Strand immer näher rückte, gab es kein Zögern mehr. Wir mussten sofort los. Der Motor lief bereits und hielt uns auf Distanz zum Ufer. Es war jedoch alles andere als einfach, die Ankerkralle zu lösen, die sich extrem eingehakt hatte, während meterhohe Wellen den Bug unkontrolliert auf und ab peitschten. Um die Kralle zu lösen, muss man sich weit über die Reeling lehnen – ein gefährliches Unterfangen bei diesem Seegang. Im Nachhinein wäre es besser gewesen da bereits die Rettungswesten anzulegen. Dabei passierte es: Janine brach leider das Backbord-Signallicht ab, das im Wasser verschwand. Da sie die Kralle nicht losbekam, tauschten wir das erste Mal die Plätze. Jan musste schliesslich mit der Holzbefestigung auf die Kralle einschlagen, bis sie nachgab. Er hievte den Anker hoch und dann hiess es nur noch: Weg vom Land, hinein in die schon bald dunkle Nacht.
Während der Fahrt aus der Bucht bereiteten wir unter Hochdruck das Nötigste für die Nacht vor. Rettungswesten wurden angezogen und wir sicherten uns mit Lifelines im Cockpit. Das defekte rote Signallicht ersetzten wir behelfsmässig mit den kleinen Leuchten, die wir eigentlich für Mabel gekauft hatten. Zuerst hofften wir, einfach um die nächste Ecke in eine andere Bucht flüchten zu können, aber der Wind und die Wellen waren zu stark für ein sicheres Ankermanöver. Die Entscheidung fiel: Wir segeln erstmals nach Korfu Stadt und sehen wie es dort aussieht. Im schlimmsten Fall müssten wir die gesamte Nacht durchfahren bis wir am neuen Tag bei ruhigeren Bedingungen eine neue Ankerbucht finden würden.
Ritt auf den Wellen
In der Hektik hatten wir das SUP noch im Schlepptau. Das ging eine Weile gut, doch dann wurden die Wellen so hoch, dass die Leine komplett auf Spannung geriet, das Board flippte und mit der Spitze untertauchte. Jan konnte es glücklicherweise an Bord hieven, aber wir konnten es dort nicht sicher verzurren. Wir mussten damit rechnen, es bei einer starken Böe zu verlieren. Dazu kam es zum Glück nicht.
Der Wind kam stark von Raumschot (bedeutet, dass der Wind schräg von hinten - aus einem Winkel von etwa 135 Grad kommt) Das ist eigentlich ein schneller Kurs, kann aber bei hohem Wellengang sehr unruhig sein. Der Ausdruck Raumschotkurs = Kotzkurs kommt nicht von ungefähr ;-)
Da der Motor unter den gegebenen Bedingungen hart am Arbeiten war, setzten wir einen winzigen Teil der Genua. Es war kaum mehr als ein «Taschentuch», aber es stabilisierte Scialla in den Wellen spürbar und verlieh uns ausreichend Geschwindigkeit und der Motor durfte sich erstmals ausruhen.
Zuflucht in Igoumenitsa
Gegen 23:00 Uhr erreichten wir die Küste vor Korfu-Stadt, doch auch hier: Keine Chance zu ankern. Die Bucht war bereits voll mit ankernden Booten, die bei diesem Wetter und der leuchtenden Stadt im Hintergrund nur schwer auszumachen waren. Also weiter zum griechischen Festland. Zum Glück hatte Jan sich vorab eine Bucht am Festland markiert, die einen extrem guten Rundumschutz bot. Also hiess es: «Bye-bye Korfu». Kurz vor 4:00 Uhr morgens fuhren wir durch einen seitlich betonnten Kanal Richtung Ankerbucht.
Ein betonntes Fahrwasser ist mit Signaltonnen/Bojen markiert, die den sicheren Weg weisen und vor Untiefen warnen. Nachts sind diese beleuchtet.

Obwohl wir noch nie im Dunkeln geankert hatten, klappte in der Bucht von Igoumenitsa alles wunderbar. Wir ankerten in knapp 5m tiefe und gaben, aufgrund des reichlich vorhanden Platzes, 50m Kette. Die Lichter der Fähren, die hier die ganze Nacht ein- und ausfahren, gaben uns zusätzliche Orientierung. Genau neun Stunden nach unserem hektischen Aufbruch machten wir genau dort weiter, wo wir aufgehört hatten: Wir wärmten den Rest des Abendessens auf und schauten die Episode «Andor» fertig. Danach fielen wir todmüde in die Kojen.
Nach solchen Ereignissen besprechen wir alles noch in Ruhe. Was würden wir anders machen? Was lief gut? Es stellte sich ein weiteres Mal heraus das wir ein gutes Team sind und gegenseitig in den richtigen Momenten "Ruhe" geben können.

Ankommen und Wassersparen
Bei Tageslicht betrachtet, entpuppte sich die Bucht als schöner als gedacht. Wir fühlten uns sofort wohl. Passend zur Ankunft in der Nacht war unser Wassertank leer gelaufen. 17 Tage lang hatten die 150 Liter gereicht – das ist ein Durchschnitt von nur 9 Litern pro Tag für zwei Personen und einen Hund! Inklusive Trinkwasser (das wir auch für den Kaffee und gelegentlich fürs Kochen benutzen) kommen wir auf etwa 16 Liter pro Tag. Der Wasserverbrauch wird im Sommer sicherlich deutlich höher sein, da wir dann mehr schwimmen und uns anschliessend duschen.

Zum Vergleich: Ein durchschnittlicher Schweizer verbraucht ca. 140 Liter pro Tag. Auch wenn wir zum Abwaschen und Duschen oft Salzwasser nutzen, sind wir stolz auf unseren achtsamen Umgang mit dieser Ressource.
Wir füllten die Tanks mit den 64 Litern Wasser aus den Reservekanistern und machten uns auf die Suche nach neuem Wasser. Igoumenitsa überraschte uns positiv.

Die Stadt ist der drittgrösste Hafen Griechenlands und das strategische Tor nach Westeuropa. Sie ist der Endpunkt der berühmten «Egnatia Odos», einer Autobahn, die quer durch den Balkan bis zur türkischen Grenze führt. Trotz des regen Fährbetriebs bietet die Umgebung wunderschöne, grüne Küstenstreifen und eine entspannte Atmosphäre abseits des reinen Transitverkehrs.


Die Promenade ist gesäumt von schattenspendenden Bäumen und ideal für lange Spaziergänge mit Juna, die dort oft ohne Leine flitzen kann. Die Fahrten mit Mabel zum Ufer dauern zwar etwa 15 Minuten, aber bei Sonnenuntergang ist das purer Genuss. In der Stadt fanden wir sogar einen Ersatz für unser kaputtes Signallicht.

Die Wasser-Quest beim Ruderclub
Mabel machten wir an einem kleinen Steg beim örtlichen Ruderclub fest. Als wir am Wochenende die Ruderer beim Training beobachteten, entdeckte Jan einen Wasseranschluss am Clubhaus. Wir fragten höflich, ob wir unsere Kanister füllen dürften – und die Sportler hatten überhaupt kein Problem damit. So konnten wir weitere 64 Liter bunkern und sind für die nächsten Wochen wieder versorgt. Als kleines Dankeschön gaben wir 5 Euro in die Vereinskasse.


Am Sonntag mussten wir feststellen, dass hier wirklich alle Geschäfte geschlossen haben – da waren wir von Italien wohl etwas verwöhnt. So erledigten wir einiges an Bord. Jan baute die neue Signalleuchte ein und befestigte unsere Batterien unter der Bank besser. Janine machte mal eine kleine Wäsche und schnitt Junas Haare. Nächste Woche widmen wir uns dann den weiteren anstehend Aufgaben.


